Stromversorgung jederzeit sichern

Mit dem steigenden Anteil von Strom aus erneuerbarer Erzeugung nimmt gleichzeitig die Bedeutung von regelbarer gesicherter Leistung zu: Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, müssen witterungsunabhängige Kraftwerke einspringen. Aktuell sind in Deutschland über 90 Gigawatt (GW) an gesicherter Kraftwerkskapazität installiert – genug, um die deutsche Spitzenlast von ca. 80 GW an Tagen mit besonders hoher Nachfrage zu bedienen.

Versorgungslücke von bis zu 30 Gigawatt

Doch im Zuge des Ausstiegs aus Kernkraft und Kohle werden bis zum Jahr 2030 mehr als 30 GW an gesicherter Leistung vom Netz gehen. Derzeit erwartet die Bundesnetzagentur einen Zubau in Höhe von 3,6 Gigawatt bis 2024. 

Um diese Lücke zu schließen, ist die Fortsetzung des Fuel Switchs von Kohle zu Gas ebenso notwendig wie der Bau neuer Gas-Kraftwerke. Allerdings werden Investoren nur dann Bau und Betrieb solcher Kraftwerke finanzieren, wenn ein rentabler Betrieb der Anlagen in Aussicht steht. Dies ist allerdings zweifelhaft, solange in Deutschland die Vergütung der Stromerzeugung über einen Energy-Only-Markt geregelt wird.

EU-Taxonomie – ökologisch nachhaltig investieren

Um das Ziel der Klimaneutralität auf europäischer Ebene bis 2050 zu erreichen, wurde mit der EU-Taxonomie ein Klassifizierungssystem für nachhaltiges Wirtschaften vorgelegt. In dem Regelwerk werden einheitliche Kriterien für den Nachhaltigkeitsgrad des wirtschaftlichen Handelns festgelegt. 

Was bedeutet EU-Taxonomie?

Die europäischen Staaten haben sich zu mehr Klimaschutz verpflichtet, um den Treibhausgasausstoß bis 2050 auf nahezu auf null zu bringen. Um die Klimaziele erreichen zu können, müssen in den kommenden Jahren Milliardenschwere Investitionen in klimawirksame Maßnahmen getätigt werden. Doch welche Maßnahmen und wirtschaftlichen Investitionen sind ökologisch nachhaltig?

Mit der Taxonomie-Verordnung stellt die EU-Kommission eine Klassifizierung unter Berücksichtigung der Umweltziele zur Verfügung. Unternehmen müssen künftig ihre wirtschaftlichen Aktivitäten mit mindestens einem der sechs Umweltziele

  • Klimaschutz,
  • Anpassung an den Klimawandel,
  • Nachhaltige Nutzung von Wasserressourcen,
  • Wandel zur Kreislaufwirtschaft,
  • Vermeidung und Verminderung von Umweltverschmutzung,
  • Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme

verbinden. Dabei darf keins der anderen Umweltziele beeinträchtigt werden. 

Erstmalig klare Regeln

Mit der EU-Taxonomie werden Kriterien zur Bestimmung nachhaltiger Investitionen festgelegt. Die wirtschaftlichen Aktivitäten durch öffentliche Hand oder Unternehmen werden damit künftig vergleichbarer. Erstmalig werden verbindliche Regeln auf europäischer Ebene festgelegt, die bewerten, welche Investments ökologisch nachhaltig sind – und welche nicht.

Die Festlegung einheitlicher Standards für grüne Investments betrifft Finanzmarktteilnehmer, Unternehmen, die verpflichtet sind, nichtfinanzielle Erklärungen zu veröffentlichen, die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sowie die Europäische Union selbst.

Mit ihrem am 31.12.2021 vorgelegten Verordnungsentwurf hat die EU-Kommission Gas-Kraftwerke als nachhaltig eingestuft, da diese die Energieversorgung sichern. Für Gas-Kraftwerke sieht die Taxonomie sieben Kriterien vor, die für die Einstufung als nachhaltig erfüllt werden müssen, so z. B.:

  • Gas-Kraftwerke sollen ab 2035 mit CO2-armen Gasen wie Biogas oder Wasserstoff betrieben werden. Diese Gase sollen 70 Prozent weniger Treibhausgase emittieren als konventionelles Erdgas.
  • Für Gas-Kraftwerke werden sehr geringe CO2-Grenzwerte definiert, sodass diese nur laufen, wenn erneuerbarer Strom nicht ausreichend zur Verfügung steht. Gas-Kraftwerke sollen als Reservekapazität zur Sicherung einer stabilen Energieversorgung vorgehalten werden.
  • Neue Gas-Kraftwerke müssen H2-ready sein – also für den späteren Betrieb mit Wasserstoff gebaut werden.

Moderne Gas-Kraftwerke können diesen Kriterien entsprechen. Die Anforderungen müssen jedoch praxistauglich ausgestaltet werden sowie entsprechende Rahmenbedingungen schaffen, sodass die gewünschten ökologisch nachhaltigen Investitionen getätigt werden. 

Gas-Kraftwerke sind unverzichtbar auf dem Weg zur Klimaneutralität

Bis 2030 benötigt Deutschland Gas-Kraftwerke mit einer Kapazität von ca. 20-30 GW, um den für die Erreichung der Klimaziele notwendigen beschleunigten Kohleausstieg ohne Risiken für die Versorgungssicherheit realisieren zu können. Bis 2024 erwartet die Bundesnetzagentur lediglich einen Zubau von 3,6 GW.

Die komplizierten Taxonomie-Kriterien für Gas-Kraftwerke werden es weiter erschweren, in kurzer Zeit ausreichend Mittel zur Finanzierung für zusätzliche Kraftwerkskapazitäten zu erhalten. Im aktuellen Energy-Only-Marktdesign wird die Bereitstellung von Reservekapazitäten nicht vergütet – im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern, die sich für ein anderes Marktmodell entschieden haben oder ein solches planen. Die Bedeutung dieser Reservekapazitäten wird in Zukunft zunehmen, denn es muss auch dann eine zuverlässige Stromversorgung garantiert sein, wenn die erneuerbaren Energien während einer Dunkelflaute nicht genügend Strom erzeugen. Gas-Kraftwerke müssen künftig bei weniger Betriebsstunden mit sehr hohem Strompreis ihre Investitionskosten refinanzieren. Wenn innerhalb der langen Amortisationszeit zusätzlich die Umrüstung auf H2-ready erfolgen muss, steigt das Risiko für die Investoren weiter. Eine Ergänzung des aktuellen Strommarktdesigns durch einen Kapazitätsmechanismus kann eine sinnvolle Lösung sein, um den Zubau von Gaskraftwerkskapazitäten anzureizen und so das Entstehen einer Versorgungslücke in Deutschland zu vermeiden. Dies würde außerdem die verschiedenen europäischen Marktmodelle und -mechanismen harmonisieren.

Im Kraftwerkmarkt geht es längst nicht mehr um die reine Stromerzeugung, sondern vielmehr um die Gewährleistung der Versorgungssicherheit ohne CO2-Emissionen. Die verlässliche Daseinsvorsorge erfordert Planungs- und Investitionssicherheit, die sich im Taxonomieentwurf nicht widerspiegelt. Für die Investition in neue und bestehende Anlagen sowie in die vorhandene Infrastruktur müssen Hürden abgebaut werden.

Forderungen von Zukunft Gas

Auch wenn wir als Branchenverband den Regelungsentwurf der EU-Kommission grundsätzlich begrüßen, so ist anzumerken, dass in Annex I, Nr. 4.29 sowie Nr. 4.30, des delegierten Rechtakts (EU) 2021/2139 bis zu 9 verkettete Anforderungen und Kriterien vorgegeben werden sollen, die im Hinblick auf die gewählten "und-Verknüpfungen" sehr kritisch einzuschätzen sind.   

  • Wir interpretieren die Forderung gemäß Annex I, Nr. 4.29 b) iii bzw. 4.30 b) iii, "the facility replaces an existing high emitting electricity generation facility that uses solid or liquid fossil fuels", dass hier die Anforderung gestellt wird, Kraftwerke am Standort eines alten Kohle- oder Ölkraftwerks zu errichten. Diese Anforderung stellt eine Behinderung des Wettbewerbs dar. Durch diese Regelungen werden potenzielle Investoren, die nicht über bestehende Kraftwerksstandorte verfügen, massiv benachteiligt und faktisch vom Wettbewerb ausgeschlossen. Zudem ist für die Errichtung neuer Gas-Kraftwerkskapazitäten aus wirtschaftlichen Erwägungen den Investoren eine optimale Standortwahl, insbesondere auch im Hinblick auf die Verfügbarkeit der erforderlichen Gas-Infrastruktur, zu ermöglichen. Die Auswahl des Kraftwerksstandorts unter Berücksichtigung der verfügbaren Gas-Infrastruktur ist zudem auch im Hinblick auf die Minimierung des (Erdgas- bzw. Wasserstoff-) Netzausbaus geboten.
  • Die Vorgabe gemäß Annex I, Nr. 4.29 b) iv, dass neue Gas-Kraftwerke die Kapazität des zu ersetzenden Kraftwerks um maximal 15 Prozent überschreiten dürfen, erachten wir als eine energiewirtschaftlich ungeeignete Einschränkung. Hier ist es vielmehr geboten, die Leistungsbemessung auf der Basis konkreter Bedarfswerte generell vorzugeben und im Weiteren auf der Grundlage wettbewerblicher Prozesse die Investoren entscheiden zu lassen, welcher kraftwerksbezogene Leistungszuschnitt am jeweiligen Standort energiewirtschaftlich sinnvoll ist. Diese Taxonomie-Vorgabe sollte vollständig entfallen.
  • Die Vorgabe gemäß Annex I, Nr. 4.30 b) v, dass bei der Errichtung neuer Gas-Kraftwerke in Kraft-Wärme-Kopplung keinerlei Erhöhung der installierten Kapazität gegenüber der des zu ersetzenden Kraftwerks möglich ist, konterkariert die technischen Optionen der Wärmewende. Insbesondere im urbanen Raum ist eine auf Erneuerbaren Energien sowie auf Gas bzw. Wasserstoff basierte Fernwärmeversorgung ein wesentlicher Schlüssel zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung. Die Kraft-Wärme-Kopplungs-Technologie stellt hierfür eine wichtige technische Option dar, deren Nutzung bzw. Ausbau nicht durch unsachgemäße Taxonomie-Vorgaben eingeschränkt werden sollte. Diese Taxonomie-Vorgabe sollte vollständig entfallen.
  • Des Weiteren stellt die Vorgabe gemäß Annex I, Nr. 4.29 b) v und Nr. 4.30 b) vi, mit der für die Zieljahre 2026 und 2030 vom Management beschlossene Pläne für feste Beimischungsquoten für Erneuerbare bzw. THG-arme Gase in Höhe von 30 Prozent bzw. 55 Prozent verlangt werden, eine zusätzliche Hürde dar. Diese Anforderung erhöht das Betriebsrisiko des Investors und gefährdet die Investitionsbereitschaft der relevanten Stakeholder gänzlich. Diese Vorgabe, die in Anbetracht der Ungewissheit über die Verfügbarkeit der erforderlichen Mengen Erneuerbarer bzw. Treibhausgasarmer Gase im Zeitverlauf auch nicht sicher einzuhalten ist, sollte vollständig entfallen. Statt der Vorgabe von jahresscharfen Beimischquoten ist die Vorgabe der Errichtung H2-ready-fähiger Kraftwerke verbunden mit der Vorgabe der vollständigen Umstellung auf treibhausgasfreie bzw. treibhausgasarme Gase im Kraftwerksbetrieb bis spätestens 31.12.2035 ausreichend.
  • Die unter Nr. 4.29 b) vi und unter Nr. 4.30 b) vii geforderte Treibhausgas-Reduzierung in Höhe von 55 Prozent durch den Ersatz einer Altanlage von der Inbetriebnahme an ist nicht praktikabel. Eine direkte Kopplung der Neuinvestition mit der Stilllegung einer Bestandsanlage stellt eine unangemessene technische und bürokratische Hürde dar, die die schnelle Realisierung des notwendigen Investitionsvolumens massiv gefährdet und zugleich nicht die vollständige Ablösung der bestehenden Kohle- und Ölkraftwerke ermöglicht. Diese Taxonomie-Vorgabe sollte vollständig entfallen.   

Zukunft Gas empfiehlt, dass die Regelungen zur EU-Taxonomie für Gas-Kraftwerke so gefasst werden, dass sie Investitionen in H2-ready-fähige Kraftwerke anreizen und nicht diese über das aus Klimaschutzgründen notwendige Maß verteuert und damit erschwert oder gar verhindert. Darüber hinaus fordern wir die Bundesregierung auf, im Zusammenwirken mit den EU- Mitgliedsstaaten und den europäischen Institutionen zügig die notwendige Regulatorik für den schnellen Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft zu schaffen.

In unserem Live-Talk diskutieren wir mit Experten, was die EU-Taxonomie für Gas-Kraftwerke bedeutet.

Expertenthema
EU-Taxonomie: Gas-Kraftwerke unverzichtbar für die sichere Energieversorgung

Stellungnahme zur Entwurfsverordnung

Zukunft Gas möchte mit dieser Stellungnahme der Bundesregierung Hinweise geben, wie der Entwurf der Taxonomie-Verordnung für die Errichtung und den Betrieb von Gas-Kraftwerken weiterentwickelt werden sollte.